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Gott sei Dank, es ist Sonntag!

"Der Klang des Sonntags"

Ein akustischer Streifzug an einem besonderen Tag

Von Hannes Langbein aus "Musik und Kirche", Ausgabe September/Oktober 2008

Sonntag ist Ruhetag. Soviel steht trotz verkaufsoffener Sonntage noch immer fest. Wenn an dieser Stelle also nach dem Klang des Sonntags gefragt wird, scheint die Frage ins Leere zu gehen. Denn sollte es überhaupt aussichtsreich sein, einem Tag einen Klang zu entlocken, dann wohl am wenigsten jenem Tag, der mit seiner sprichwörtlichen Sonntagsruhe alles Lauschen und Hinhören aussichtslos zu machen scheint. Dabei sollte schon allein die Rede vom "Wochenausklang" und dem dann folgenden "Einläuten" des Sonntags stutzig machen. Andere Tage kommen und gehen. Aber der Sonntag wird eingeläutet. Und wenn dann - einem Schlager der 70er Jahre zufolge - "immer wieder sonntags" die Erinnerung kommt (Cindy und Bert), dann müsste es auch den hartnäckigsten Klangskeptikern in den Ohren klingeln: Der Sonntag ist nicht nur von Wochenklängen umgeben. Er bringt selbst Sonntagsklänge hervor. Und wenn dann einmal alle Lieder verklungen sind, dann kann man auch sie hören - die Stille am Ruhetag, von der her sich die Welt am Sonntag noch einmal ganz anders anhört. Ein akustischer Streifzug an diesem besonderen Tag scheint sich also allemal zu lohnen.

Sonntagsklänge

Zunächst ist der Sonntag ein Tag für die Sinne: Sonntagsbraten, Sonntagsanzug und bei Sonntagswetter der Sonntagsspaziergang fassen das sonntägliche Sinnenvergnügen zusammen. Und wer den Braten einmal gerochen hat, dem sprießen nicht nur die Geschmacksknospen, sondern der gerät unversehens ins Schwelgen und Schmausen - und das ist nicht selten mit den ausgefallensten Wohllauten verbunden. Da muss der Herrgott, um noch einmal einen in die Jahre gekommenen Gassenhauer aus der Geburtsstunde des Wochenendes in den ausgehenden 20er Jahren zu bemühen, bei all dem Sinnenschmaus dann schon mal ein Auge zudrücken, um bei "Wochenend und Sonnenschein" (Charles Amberg) nicht nur wegen des Sonntagsbratens nur noch eines zu empfehlen: Den Waldspaziergang zu zweit. Ein Tag für die Sinne eben.

Das alles hat seinen ganz eigenen akustischen Reiz - nicht nur wegen der Lieder. Denn zu alledem, was den Sonntag so besonders macht, gehören entsprechende Geräusche und Klänge. Für den einen mag das bei halb geöffnetem Fenster mit Vogelzwitschern unter raschelnder Bettdecke beginnen, die Andere ruft das Frühstücksgeschirrgeklapper hinter der Küchentür oder das Rascheln der Sonntagszeitung im Zimmer nebenan in den Tag. Auch das hart gekochte Frühstücksei lässt sich nicht geräuschlos köpfen. Muss es dann noch Mozarts 3. Violinkonzert oder Beethovens 4. Klavierkonzert sein - oder, der Klassiker, Vivaldis "Vier Jahreszeiten"? - Da mögen sich die Generationen streiten, auch ob es Anne-Sophie Mutters oder Nigel Kennedys Interpretation sein soll. "Easy like Sunday morning" von "Faith no more" würde es für manch Anderen auch tun. Früher jedenfalls, als der Sonntag im Laufe des 19. Jahrhunderts seine lieb gewonnenen Gewohnheiten entwickelte, stand für die Kleinen Hausmusik an. Heute rettet das Radio oder der CD-Spieler, damals auch schon das Grammophon (zum Leidwesen der Klavierindustrie), vor unfreiwilligen Konzerteinlagen.(1) Da sorgt dann erst wieder die Frage nach dem Sonntagsspaziergang für Unfrieden zwischen den Generationen - übrigens auch mit ganz eigenen akustischen Qualitäten.

Wie dem auch sei, Sonntagsklänge werden nicht nur zu Hause und in privatissime kultiviert. Wer sich am Sonntagmorgen vom Glockengeläut der nahe gelegenen Kirche wecken lässt und sich dann auch noch - dem Glockenklang nach - auf den Weg macht, der reiht sich ein in eine Jahrhunderte alte Hörtradition, die als solche immer auch Gesangstradition war. Wort und Klang vereint, das Kirchenlied als Bekenntnis und Schöpferlob, so hatte es schon Martin Luther gewollt und damit unversehens eine eigene Tradition ins Leben gerufen. "Denn die Musik ist eine Gabe und Geschenk Gottes, nicht ein Menschengeschenk. So vertreibt sie auch den Teufel und macht die Leute fröhlich: man vergisst dabei allen Zorns, Unkeuschheit, Hoffart und andere Laster. Ich gebe nach der Theologie der Musik die nächste Stelle und die höchste Ehre"(2). Luther war ein Liebhaber der Musik und ein ebenso feinsinniger wie populärer Liederdichter, der seiner Theologie auch musikalisch - zunächst á capella, später zu Orgelbegleitung - Nachdruck verlieh. Andere sind ihm darin gefolgt: "Du, meine Seele singe" - so klingt es noch heute aus deutschen Kirchenbänken. Paul Gerhardts lutherisches Schöpfungslob hat sich gehalten. Über die wechselvolle Geschichte des Kirchengesangs hinweg. Durch Kantatenprunk des 18. und Laientristesse des 19. Jahrhunderts(3)  hat es eine Frische bewahrt, die auch heute noch zu den besonderen Sonntagsklängen gehört.

Sonntagsruhe

Und so ist es gerade das tönende Schöpfungslob, das gleichsam als Nachhall der biblischen Schöpfungspsalmen zu den herausgehobenen Sonntagsklängen gehört. Schließlich klingt in der Geschichte der Sonntagsruhe immer ein doppelter Lobgesang nach: Das Lob der Schöpfung und das Lob der Rettung Israels aus ägyptischer Knechtschaft. So jedenfalls will es die jüdische Tradition, die ihren gemeinsamen arbeitsfreien Tag auf dekalogisches Geheiß hin am siebten Tag der Woche, nämlich am Sabbat beging: "Gedenke des Sabbattages, dass du ihn heiligest. Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. Aber am siebten Tag ist der Sabbat des HERRN, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun [.]. Denn in sechs Tagen hat der HERR Himmel und Erde gemacht und das Meer und alles was darinnen ist, und ruhte am siebenten Tage." (Ex 20,8-11) So sieht es das 2. Buch Mose. Das 5. Buch will es etwas anders: "Denn du sollst daran denken, dass auch du Knecht in Ägyptenland warst und der HERR, dein Gott dich von dort herausgeführt hat." (Dtn 5,15), nennt es als Begründung. "Höre, Israel" (Dtn 6,4) wird es daraufhin im berühmten "Schema Israel" heißen und den Sabbat so im Hören verwurzeln.

Das hatte zunächst noch gar nichts mit dem christlichen Sonntag zu tun. Und selbst nachdem die frühen Christen ihren eigenen Feiertag - der freilich von Arbeitsruhe noch weit entfernt war - zum Lob der Auferstehung und zur Erwartung der Rückkehr Christi eingerichtet hatten, standen Sabbat und Sonntag noch unverbunden nebeneinander. Überhaupt war in frühchristlicher Zeit noch nicht einmal vom "Sonntag" zu sprechen, musste der sich doch erst über die Verbindung mit dem römischen Sonnenkult als solcher, nämlich als "Sonnentag", etablieren. Konstantin der Große sorgte dafür Anfang des 4. Jahrhunderts und führte ehe man sich versah auch noch die Arbeitsruhe ein. "Dies solis", der Tag der Sonne, wurde so zum herausgehobenen Tag der römischen Planetenwoche.(4) Erst später bemühten sich christliche Theologen um die theologische Deutung des zunächst aus Angst vor Müßiggang und Unsittlichkeit gerade bei Mönchen durchaus misstrauisch beäugten Ruhetages.(5) 

Dieser wurde dann doch nach einigem Widerstand mit jüdischen, d.h. sabbattheologischen, Argumenten unterfüttert. Von nun an stand der Sonntag wie schon der Sabbat im Zeichen der schöpferischen Ruhe Gottes, in der sich Gott Zeit nimmt, das Geschaffene zu betrachten und so im Nachklang des Schöpfungswortes eine Schöpfungspause einzulegen: "Und so vollendete Gott am siebenten Tag alle seine Werke, die er machte, und ruhte am siebenten Tage von allen seinen Werken, die er gemacht hatte." (Gen 2,2) So heißt es im ersten biblischen Schöpfungsbericht. Die Ruhe vollendet die Schöpfung. Oder sollte die Ruhe womöglich noch Teil des fortwährenden Schöpfungshandelns Gottes sein? Darum wurde viel gestritten. Der siebte Tag als Vollendung der Schöpfung oder nur die Fortsetzung der Schöpfung mit anderen Mitteln? Die Rede von der "creatio continua", der fortdauernden Schöpfung, hat hier ihren Ursprung.(6) Und auch das Zahlenwirrwar des entstehenden Sonntags: Siebter, erster oder gar achter Tag der Woche? Jede Zählweise steht für eine je eigentümliche Funktion der Schöpfungsruhe - und für einen je eigenen Wochen- und Lebensrhythmus. Denn mit dem Sonntag als schöpferischer Schöpfungspause ist der Welt zugleich ein Rhythmus eingeschrieben, der Wochen- und Lebensrhythmus tief greifend prägt.(7) Wenn sich die christliche Tradition also für den Sonntag als ersten Tag der Woche entschieden hat, so auch für den Sonntag als stiller Auftakt und nicht etwa als Pause oder Fermate im Rhythmus der Woche. Der Takt - und damit die Zeitordnung - der Schöpfung sind damit bestimmt. Mit dem Sonntag als Auftakt atmet die Woche ein, um im Laufe ihrer Tage auszuatmen.

Schöpfungsklänge

Es ist dieser Atem, der als Geist Gottes den Menschen zum Leben erweckt und ihn so zum Resonanzkörper des Schöpfungsatems macht: "Da machte Gott, der HERR, den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens in die Nase." (Gen 2,7) "Gurgel, Schlund, Kehle" nennt die alttestamentliche Tradition die "näphäsch", die Seele des Menschen.(8) Nicht die Seele als immaterielles Etwas, als Seelensubstanz oder personales Wesen. Vielmehr die Seele als Resonanzraum des Gottesgeistes. So versteht Israel die menschliche Seele und verleiht ihr in den Schöpfungspsalmen ihren eigentümlichen Klang: "Singet dem HERRN ein neues Lied!" (Ps 149) - "Lobet ihn für seine Taten, lobet ihn in seiner großen Herrlichkeit! [.] Alles, was Odem hat, lobe den HERRN! Halleluja!" (Ps 150) In der Tat: Alles, was Odem hat - der Atem als Grund des Lebens und des Schöpfungslobes. Der Sonntag als Atemholen der Woche erinnert an diesen Lebensgrund.

Er erinnert allerdings auch an Gottes rettendes, d.h. neuschöpfendes Handeln. Denn während der Sonntag aus alttestamentlicher Perspektive fest mit der Erinnerung an die Rettung Israels aus ägyptischer Gefangenschaft verknüpft ist, wird aus neutestamentlicher Sicht der Auferstehung Christi gedacht. Auch davon wurde und wird gesungen: Loblieder Israels und Christushymnen sind die Freiheitsklänge einer gebundenen Seele, die - ganz im Sinne des Schöpfungsatems - Luft zum Atmen bekommt: "Lasst uns dem HERRN singen, denn er hat eine herrliche Tat getan, Ross und Mann hat er ins Meer gestürzt." (Ex 15) So singen Moses und Mirjam nach geglücktem Auszug aus der ägyptischen Gefangenschaft. Und viel später ist es dann Maria, die ihrer unwahrscheinlichen Mutterschaft voller Freude entgegensingt: "Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freuet sich Gottes meines Heilands!" (Lk 1,46f.) Maria singt mit ihrem "Magnifikat" wohl das erste Sonntagslied der Christenheit.

Vor diesem Hintergrund bekommt der Sonntag beinahe kosmische Dimensionen: Sonntagsklang ist Schöpfungsklang und der darf nach antikem Verständnis durchaus wörtlich verstanden werden. Schließlich steckt dem Sonntag als antikem "Sonnentag" der Bezug zur Sonne noch in den Knochen. Und von dieser gilt wie von anderen Himmelskörpern auch: "Die Sonne tönt nach alter Weise, / in Brudersphären Wettgesang, / und ihre vorgeschriebene Reise vollendet sie mit Donnerklang."(9) So dichtet noch der alte Goethe und beruft sich dabei auf eine uralte Tradition, die bereits seit Pythagoras den Planeten - je nach Umlaufgeschwindigkeit und Erdabstand - ihren je eigenen Klang zuschrieb. "Himmelsharmonie" oder "Sphärenmusik" nannte man diesen in harmonische Intervallverhältnisse gesetzten Wohlklang der Planeten, der freilich als kontinuierliche Klangkulisse für Normalsterbliche mangels Tonänderungen unhörbar blieb. Nur besonders Begnadete, so erzählte man sich, hätten je den Klang der Planeten gehört.(10)

Schöpferische Stille

Die christliche Tradition hat sich diese Art der Schöpfungsklänge nicht zu Eigen gemacht. Im Gegenteil, seit dem ersten Schöpfungsbericht der Genesis sind die leuchtenden Himmelskörper am Firmament unter Absetzung von heidnischen Traditionen als bloße "Lampen" oder gar "Funzeln" ohne eigene Wirkkraft diskreditiert. Und dennoch, auch der christliche Sonntag kennt die klanggeladene Stille, aus der sich nicht nur Lobgesänge als Seelenresonanz erheben, sondern von der her die Welt noch einmal ganz anders klingt. Wir kennen das: Urplötzlich treten Klänge in den Vordergrund, die im Klanggewühl der Woche noch unter der Hörschwelle lagen. Auf einmal beginnt das Ohr zu dichten und zu fantasieren. Ein Blätterrascheln weckt das Ohr. Die Wahrnehmungsschwelle sinkt. Unversehens wird das Hören zum Lauschen. Und ehe man sich versieht verdichten sich die Nebengeräusche und Unerhörtheiten zu einer Sonntagsklangkulisse, die dem Alltagsgeklapper seine Prägnanz nimmt und der Stille ihren eigenen Klang entlockt.

Es waren und sind vor allem die Künstler, denen ein Gespür für diese klangvolle Stille nachgesagt wird. Schon Rilke hat sie herbeigesehnt. Er schreibt: "Wenn es nur einmal so ganz stille wäre. / Wenn das Zufällige und Ungefähre / verstummte und das nachbarliche Lachen, / wenn das Geräusch, das meine Sinne machen, / mich nicht so sehr verhinderte am Wachen."(11) Die Stille wird zum Ausgangspunkt der Dichtung - und, folgt man dem französischen Maler Paul Cézanne, auch der Malerei: "Das ganze Wollen des Malers muss schweigen. Er soll in sich verstummen lassen alle Stimmen der Voreingenommenheit. Vergessen! Vergessen! Stille schaffen! Ein vollkommenes Echo sein." Cézanne malt aus der Stille. Eine innere Stille, in der sich die äußeren Eindrücke in ihrer Mannigfaltigkeit abbilden. Nicht umsonst wirken viele seiner Motive wie flüchtige Momentaufnahmen eines Sonntagsspaziergangs. Der freie Blick in die Natur, das stille Nachklingen, das aufrichtige und unverstellte Aufzeichnen der Eindrücke wie es Paul Cézanne beschreibt, speist seine Formen und Farben.

Man kann diese Farben hören.(12) Und einer, der sie gehört hat ist der französische Komponist Claude Debussy: Wie kaum ein anderer hat er die Blickdichte der impressionistischen Malerei in Töne gesetzt.(13) Lässt Cézanne seine Bilder aus frei schwebenden Farbfeldern entstehen, so wächst Debussys Musik aus flimmernden Akkordfeldern, die ihren Charakter eher ihrer eigenen Strahlkraft verdanken als dem zugrunde liegenden tonalen System. Debussy - wie die Impressionisten vor ihm - schwimmt sich frei von den Gepflogenheiten und Vorlieben des bürgerlichen Salons und hört - sinnenfällig in "La Mer" - auf die Natur, um so ins Schwerelose hinein zu komponieren. Immer in Bewegung, lautmalerisch hell und traumwandlerisch klar vertont er die "Images" als flirrende Bilder am Grund eines Sees, auf dessen Oberfläche nicht nur die Farben, sondern auch die harmonischen Konturen verwischen. So entwindet Debussy seinen Zeitgenossen die Spielregeln der tonalen Harmonik und entführt sie in eine Traumwelt, die einem musikalischen Sonntagsspaziergang gleicht - "Vorspiel zum Nachmittag eines Faunes" nennt er sein erstes bekannt gewordenes Stück. Wenn das kein Sonntagsklang ist.

Sonntagswahrnehmung

Akustische Sonntagsspaziergänge dieser Art sind im ausgehenden 19. Jahrhundert keine Selbstverständlichkeit. Denn kaum ein anderes Jahrhundert hat die Sonntagsruhe derart dezimiert wie das 19. Jahrhundert und seine Industriekultur.(14) Arbeit ist in den explosionsartig wachsenden Städten allgegenwärtig und mit ihr der Lärm und die Rastlosigkeit. Der freie Blick Cézannes und der schwebende Klang Debussys sind Fremde in einer immer wirtschaftlicheren Welt, in der nicht der schweifende, sondern nur der fokussierte Blick etwas gilt. Die freie Ökonomie verlangt keinen freien Blick, sondern die disziplinierte Aufmerksamkeit des Fabrikarbeiters - schon aus Gründen der Arbeitssicherheit. Demgegenüber sind Cézannes Farbklänge und Debussys Klangfarben Freiräume für die Sinne,(15) die nicht nur den Sonntag sicht- und hörbar machen, sondern auch im Sinne einer Gegenbewegung - parallel zum Arbeitskampf der Parteien, Kirchen und Gewerkschaften sowie der bürgerlichen Salon- und Vereinskultur des ausgehenden 19. Jahrhunderts - als Auseinandersetzung mit der Gefährdung des Sonntags verstanden werden können.

Noch heute braucht es derartige Freiräume, Zeitabschnitte, in denen die Sinne nach getaner Arbeit zur Ruhe kommen, um in der Stille lauschend vergangenes zu Erinnern, Neues zu entdecken und so die Seele singen zu lassen. Michel Foucault hat solche Zeitabschnitte "Heterochronien" genannt. So wie der Garten, die Kirche und das Schiff "andere Orte" ("hetero-topoi") sind, an denen die Gesetze der umliegenden Orte aufgehoben sind,(16) so lässt sich der Sonntag als eine "andere Zeit" ("hetero-chronos") bezeichnen, die den Rhythmus der Woche für einen Moment über sich hinaus hebt und der Seele in aller Ruhe Raum zum Schwingen gibt. So ist der Sonntag "ein Tag im Schwebezustand, schwer und schwerelos zugleich"(17), ein Tag, der als Teil des Wochentaktes diesen doch zugleich aus den Angeln hebt. Wenn das geschieht, dann beginnt er zu klingen, der Sonntag, der Ruhetag.


Fußnoten:

1 Vgl. Andreas Ballstaedt u. Tobias Widmaier, Salonmusik. Zur Geschichte einer bürgerlichen Musikpraxis, Beihefte zum Archiv für Musikwissenschaft, Stuttgart 1989, 352.

2 Martin Luther, Tischreden, WA 7034.

3 Vgl. Joachim Stalmann, Kompendium zur Kirchenmusik. Überblick über die Hauptepochen der evangelischen Kirchenmusik und ihrer Vorgeschichte, Hannover 2001, 70-115.

4 Vgl. Johannes Holly, "Sonntagsheiligung: Tag des Herrn, Gebot der Kirche" in Der Tag des Herrn. Kulturgeschichte des Sonntags, Wien 1998, 45f.

5Vgl. Uwe Becker, Sabbat und Sonntag. Plädoyer für eine sabbattheologisch begründete Zeitpolitik, Neukirchen 2006, 104-107.

6  Vgl. Wolfhart Pannenberg, Systematische Theologie II, Göttingen 1991, 50-55.

7  Vgl. Romano Guardini, Der Sonntag gestern, heute und immer, Würzburg 1957, 6f.

8 Vgl. Wolfhart Pannenberg, Systematische Theologie II, Göttingen 1991, 213.

9 Johann Wolfgang von Goethe, Faust, Vers 248-250.
 
10 Vgl. Friedrich Cramer, Symphonie des Lebendigen, Frankfurt am Main 1998, 87-94.

11 Rainer Maria Rilke, "Das Stundenbuch" in Werke I, Leipzig 1978, 210.

12 Vgl. Lorenz Dittmann, Die Kunst Cézannes. Farbe - Rhythmus - Symbolik, Köln 2005.

13 Vgl. Leon Botstein, "Beyond the Illusions of Realism: Painting and Debussy´s Break with Tradition" in Debussy and His World, Jane F. Fulcher (Hg.), Princeton 2001, 141-179.

14 Vgl. Klaus Tenfelde, "Tag der Arbeitsruhe und seelischen Erhebung. Der arbeitsfreie Sonntag" in Am siebten Tag. Geschichte des Sonntags, Bonn 2003.

15  Jonathan Crary, Aufmerksamkeit. Wahrnehmung und moderne Kultur, Frankfurt am Main 2002, 13, 23, 284.

16 Vgl. Michel Foucault, Die Heterotopien, Frankfurt am Main 2005, 14f., 19.

17 Rolf Lindner, "Sonntag" in Sonntag! Kulturgeschichte eines besonderen Tages, Museum der Arbeit (Hg.), Hamburg 2001, 8.


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Publikationsdatum dieser Seite: 23.01.2018 14:51