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Gott sei Dank, es ist Sonntag!

"Erhaltet den Sonntag als einen besonderen Tag!"

Sonntagsschutz als Aufgabe der Kirche

Als EKD-Ratsvorsitzender und Präses der evangelischen Kirche im Rheinland war Manfred Kock 1999 für die erste Sonntagskampagne verantwortlich. Er zieht Bilanz, was sich seit dem geändert hat und begründet, warum der Schutz des Sonntags weiterhin ein wichtiges Anliegen der Kirche ist.

Manfred KockDie Evangelische Kirche in Deutschland hat sich gemeinsam mit den Gliedkirchen und der Deutschen Bischofskonferenz vor allem in den Jahren seit 1999 gegen eine weitere Aushöhlung des Sonntagsschutzes eingesetzt. Die Bedeutung des Sonntags für den Menschen, für die Familie und das Gemeinwesen macht diesen Einsatz erforderlich. Inzwischen sind -in den Bundesländern unterschiedlich - Regelungen eingeführt, welche die Ladenschlusszeiten liberalisiert haben, den Sonntag aber im Prinzip weiterhin zu schützen vorgeben.

Andererseits gibt es weitreichende Ausnahmen, die auf kommunaler Ebene genehmigt werden, mit der Folge, dass der Sonntagsschutz immer weniger wirksam ist. Partikulare Interessen scheinen sich durchzusetzen. Bestimmte Bereiche des Handels erhoffen sich von der Missachtung der Sonntagskultur Wettbewerbsvorteile. Es ist kein Zufall, dass es gerade große Kaufhäuser und Marktketten sind, die hier die Vorreiterrolle übernommen haben.
Viele in der Bevölkerung scheinen kaum zu ahnen, was wirklich auf dem Spiel steht: nichts weniger als jene Freiheiten, deren Verlust man erst zu spüren bekommt, wenn sie unwiederbringlich verloren sind.

Beim Streit um die Ladenöffnungen am Sonntag geht es nicht um eine "Liberalisierung", als würden sich freiheitsliebende Kräfte gegen freiheitsfeindliche Kräfte wenden, als stünden moderne, liberal eingestellte Erlebniskäufer auf der einen Seite gegen rückwärtsgewandte und missgünstige Ultrakonservative auf der anderen Seite, als wollten die einen ihren Spaß am Sonntag haben, und die anderen wollen ihnen den verderben. Diese Sicht stellt die Problematik auf den Kopf. Es geht beim Eintreten für den Schutz des Sonntags nicht um den Versuch einer Bevormundung mündiger Menschen in der modernen Medien- und Dienstleistungsgesellschaft, sondern um die Verhinderung einer Benachteiligung von Menschen, die sonntags zur Arbeit gezwungen werden. Wer am Sonntag einkaufen will, muss die Dienstleistung anderer in Anspruch nehmen. Sonntagseinkauf ist nicht gratis zu haben, er ist mit einem sozialen Preis zu bezahlen. Der verkaufsoffene Sonntag ist ein Wegbereiter in eine Zerteilung der Bevölkerung in Sonntagsgewinner und Sonntagsverlierer; solche Sonntagsverlierer sind vor allem abhängig Beschäftigte, im Wesentlichen Frauen, sowie die Inhaber kleiner Geschäfte.

Es ist eine Tatsache, dass in Deutschland fast 20 % der abhängig Beschäftigten Sonn- und Feiertagsarbeit leisten. In den Strom-, Gas und Wasserwerken, bei der Feuerwehr und im Gesundheitswesen, im Gastgewerbe, im öffentlichen Verkehr, in Kultur, Sport und Unterhaltung ist Sonntagsarbeit unverzichtbar. Niemand wird deshalb sagen, dass Sonn- und Feiertagsarbeit grundsätzlich unvertretbar wäre. Vielmehr geht es allein um die Frage, was notwendig und vertretbar ist, ohne die Institution des Sonntags auszuhöhlen. Hier entsteht ein immer stärkerer Druck durch die Tendenz zur Vereinheitlichung in der Europäischen Union.

Angesichts dessen ist immer wieder darauf hinzuweisen, dass die Heiligung des Sonntags, ja schon seine bloße Existenz, daran erinnert: Der Mensch definiert sich nicht allein über seine Arbeit. Daher wird man den Rhythmus von Arbeit und Feier als grundlegend für die menschliche Existenz ernster nehmen müssen. Denn die Unterbrechung des Alltags befreit den Menschen aus der Fixierung auf seine Taten und Leistungen.

Freilich ist es dabei mit dem gesetzlichen Sonntagsschutz allein nicht getan. Vielmehr stellt sich die Frage nach der Füllung des Sonntags. Man kann ja nicht blind sein gegenüber der Tatsache, daß nur ein kleiner Teil der Christen am Sonntag gemäß Luthers Auslegung den Gottesdienst besucht, um "die Predigt und Gottes Wort nicht zu verachten, sondern gerne zu hören und zu lernen". Es geht den Kirchen beim Streit um den Sonntag nicht primär um ihre eigenen Interessen, etwa um den Schutz der Gottesdienstzeit. Das wäre eine verhängnisvolle Verkürzung der kirchlichen Bemühungen um den Schutz des Sonntags. Der Sonntag als Ruhetag umfasst einen ganzen Tag und nicht bloß eine eingeschobene, kurze Pause. Der Sonntag prägt den Zeitrhythmus, in dem Menschen und die Gesellschaft leben.

Die Pointe des Sonntags ist seine Besonderheit und Abgehobenheit vom Arbeitsalltag. Um diesen Sonntag rankt sich denn auch eine Lebenskultur des Besonderen und Anderen: das Sonntagsessen, der Sonntagsanzug oder das Sonntagskleid, der Sonntagsspaziergang und die Feier des Sonntags im Gottesdienst. Aus diesem Grunde haben die Kirchen in Großbritannien ihre Kampagne zum Schutz des Sonntags auch "keep sunday special" genannt, d.h. "Erhaltet den Sonntag als einen besonderen Tag". Wenn der Sonntag zu einem Arbeitsalltag wird und die Rast von der Arbeit genau so gut auch auf einen Tag der Woche verlegt werden kann, verliert der Sonntag seine Besonderheit. Dem Sonntag muss auch Inhalt und Form gegeben werden, die er beansprucht, eine selbst bestimmte Gestaltung unseres Lebens einzuüben.

Der ins Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland übernommene Artikel 139 der Weimarer Reichsverfassung nennt Sonn- und Feiertage "Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung". Unsere Freizeitgesellschaft ersetzt vielfach den Arbeitsstress des Werktags durch einen anders gearteten Konsum- und Freizeitstress der arbeitsfreien Tage. Deshalb ist mit dem Stichwort der Sonntagsheiligung auch entschieden mehr gemeint, als die gegenwärtig diskutierte Frage des Sonntagsschutzes. Der Sonntag ist für die Menschen, gleich welcher religiösen oder weltanschaulichen Überzeugung, ein Tag der Besinnung und des Innehaltens. Woher komme ich? Wohin gehe ich? Aus welcher Quelle lebe ich? Wofür lohnt es sich zu leben? Der Sonntag bietet einen Schutzraum, an dem diese Fragen regelmäßig bewusst gemacht und bedacht werden können. Es geht es um eine neue Nachdenklichkeit, die schon deswegen nötig ist, damit plötzlich aufbrechende Lebenskrisen nicht hilflos machen.
 
Gerade für eine von zunehmender Pluralisierung und Individualisierung gekennzeichnete Gesellschaft sind "kollektive Auszeiten" von zentraler Bedeutung. Der Sonntag als verlässlicher Ort in der Woche, an dem Menschen aus ansonsten unterschiedlichen Lebenszusammenhängen Zeit miteinander verbringen können, ist eine wesentliche Bedingung für die Vitalität sozialen Zusammenhalts in der Gesellschaft. Die Erfahrung von Gemeinschaft in der Familie, bei Krankenbesuchen, bei Geburtstagsfeiern im Freundeskreis, bei Aktivitäten in den Sportvereinen, bei Dorf- und Stadtteilfesten oder bei gemeinsamen Unternehmungen in der Natur kann als Ausdruck von Gottes gutem Schöpferwillen verstanden werden, auch wo sie keine religiöse Grundlage hat.

Im Zuge der Liberalisierung und Enttabuisierung sowie des Ausbaus der Freizeitkultur ist es zu einer zunehmenden Aushöhlung des Zwecks ,seelische Erhebung' gekommen. Nicht die öffentlichen Erklärungen und Synodenworte über den Schutz des Sonntags sind ausschlaggebend, sondern wie Kirchen und Christen selbst mit dem Sonntag umgehen. Die Sonntagskultur muss im Erscheinungsbild von Gemeinden, Familien und die Lebensführung des Einzelnen deutlicher ausdrücken, welchen Schatz unsere Gesellschaft mit ihrer Sonntagskultur überliefert.

Manfred Kock, Präses i.R.
September 2007


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Publikationsdatum dieser Seite: 23.01.2018 14:49