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Gott sei Dank, es ist Sonntag!

"Mein Sonntag"

Matthias Drobinski, Redakteur der Süddeutschen Zeitung in München

Matthias DrobinskiIch habe ihn verloren, den Sonntag, der zur Kindheit gehörte wie die unverwüstliche dreiviertellange Lederhose. Er war sehr geregelt und ging damit los, dass das Radio zum Frühstück die Küche mit dem Kirchenfunk füllte; es folgte der gutkatholische Kirchgang, manchmal ein Kindergottesdienst, immer der Klatsch auf dem Kirchplatz. Zum Mittagessen gab es Pommes und gegrilltes Hähnchen und für die vier Kinder eine Flasche Cola, deren Inhalt aber mit Sprudelwasser verdünnt werden musste. Um zwei packten meine Eltern (und manchmal, wenn Mama zu kaputt war, auch nur mein Vater) die Blagen in den Ford Transit und es ging in den Wald, sich zu verdrecken, Schrammen und blutige Knie zu holen, um fünf hielten wir vor der Eisdiele, drei Kugeln waren erlaubt, außer in der Fastenzeit - da gab es nichts. Es war ein sehr geregelter und doch sehr freier Tag, manchmal kratzte er wie ein lästiger Wollpullover, aber die Woche machte Pause, es war Gottes- und nicht Menschentag.

Ich hatte als Jugendlicher sehr oft das Gefühl, Gott im Gottesdienst zu begegnen, das ist mir geblieben. Man konnte aber auch seine Gedanken schweifen lassen, bei Predigt und Hochgebet; der hoffnungsvolle Fußballtorwart Matthias hat in seinen Kirchenträumen mehr Elfmeter gehalten als im richtigen Leben. Später der verstohlene Blick ringsum: Ist SIE da? Welches kirchendisziplinarisch nicht zu rechtfertigende Herzklopfen, wenn es so war. Und so blieb der Sonntag Heimat, auch in jenen Jahren, in denen es in der Sonntagsherrgottsfrüh zum Auswärtsspiel ging, dann war die Fahrt mit dem Rad zur Vorabendmesse in einem der Nachbarorte eben das letzte Training. Wie groß dabei die Macht des Gewohnten war, weiß ich heute nicht mehr.

Es gab keinen Aufstand gegen diesen Sonntag, keinen wütenden Protest gegen einengende elterliche oder kirchliche Autoritäten, der Sonntag verschwand einfach. Erst befreite er sich vom Muss des Aufstehens nach einer zu kurzen Nacht, dann kam die Wochenendbeziehung, der jede Stunde zu zweit wichtig war, dann die Arbeit, die nach der kollektiven Freizeit griff. Journalismus ist ein wunderbarer Beruf, aber er löst die Trennung von Frei- und Arbeitszeit auf. Die Kinder haben einen Teil zurückgebracht, doch es bleiben die vielen Sonntage im Büro und am Schreibtisch, die Leute wollen am Montag eine Zeitung haben, so wie sie auch am Sonntag operiert werden wollen und nicht gerne mit einer Polizei leben, die am Sonntag frei hat. Die Kindheitssonntage sind vorbei, nicht immer ist das schlecht  übrigens. Geblieben ist aber die Sehnsucht nach dem Gottestag, an dem der Rest des Lebens Pause macht und der Alltag die Luft anhält. Sehnsucht heißt: Es gibt ihn zu selten. Aber dann, auf einmal, ist er da.Manchmal am Sonntag, manchmal auch am Dienstag oder Mittwoch. Der Gottestag, an dem alles ruht. An dem man nichts sein muss als: Mensch, liebender geliebter Mensch.


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Publikationsdatum dieser Seite: 23.01.2018 14:51